Anett Steiner

Der Wechsel allein ist die Beständigkeit - Schopenhauer

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Die letzten Gedanken eines alten Trucks

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Eine LKW-Geschichte

Das Jahr neigte sich. Doch der Schnee wollte noch längst nicht zudecken, was auch immer zu zu decken war.

Freitagabend. Feierabend.

Thomas fühlte sich nicht gut. Er freute sich nicht wirklich aufs Wochenende. Abschied lag in der Luft. Und Abschied tut weh.

Thomas warf seinen Schlüsselbund achtlos auf den Garderobenschrank. Alle Schlüssel, bis auf einen. Diesen einen steckte er in die Brusttasche seines Hemdes, ganz nah an sein Herz.

Mach Dich nicht lächerlich, Thomas! Es ist doch nur ein Haufen Blech! Du tust ja grad so, als würde „der Große“ leben!

Lustlos fiel Thomas auf seine Couch, ohne die schmutzigen Klamotten von der Arbeit abzulegen.

Es gab keine Frau, die sich darüber aufregen konnte. Frauen waren ohnehin seltsam – wurden eifersüchtig auf technische Dinge: 'Du liebst den Großen doch viel mehr als mich...'-

So hätte er es selbst zwar nicht ausgedrückt, aber...

Er verspürte noch nicht einmal Lust auf ein Bier, so nah ging ihm die Sache.

Ob er seinem Chef sagen sollte, das er keinen Neuen wollte?

'Chef, mach was du willst, schmeiß mich raus, aber den Großen gebe ich nicht her. Der gehört noch nicht zum alten Eisen!'

Sei nicht albern Thomas, er ist doch nur ein Haufen Metall.

Schon klar soweit. Aber ein Haufen Metall, der komischerweise einige im Biologieunterricht definierte Merkmale eines Lebewesens aufwies.

Woran erkennt man, das etwas lebt?

Zuerst einmal natürlich daran, das es sich bewegt. Der Große bewegte sich zweifellos ganz regelmäßig seit sieben Jahren.

Zweitens an der Atmung. Auch erfüllt. Der Große atmet eine Mischung aus irgendwas an und CO2 aus.

Drittens: Lebendes fühlt. Klar fühlte der Große! So beleidigt wie der bei falscher Handhabung reagieren konnte...! Fühlend, ja, ohne Zweifel.

Viertens: Fortpflanzung... - na gut. Die Vermehrung von LKW erfüllt natürlich keinerlei biologische Tatbestände, aber immerhin gab es Große und Kleine und irgendetwas Halbwüchsiges mittendrin.

Für Thomas stand fest: sein Großer lebte. Er und sein LKW – das war etwas Besonderes, das war Vertrauen und Abhängigkeit, das war...

---bald vorbei...

Aber so leicht wollte Thomas sich gar nicht trennen von seinem 40-Tonner und den Erinnerungen darin, daran und drumherum.

Vielleicht war das ja nicht für jedermann nachzuvollziehen, aber der Große hatte irgendwas Väterliches: wärmend, vor Wind und Wetter schützend, übelnehmend bei Vernachlässigung, behütender Ruheplatz und verläßlicher Partner in Aktion...

Einmal stillgelegt würde der Große sterben – vergehen genau wie ein Mensch, zerfallen in nichtssagende Einzelteile, Organspender vielleicht. Die letzten Tropfen Leben in Form von Diesel, Öl, Kühlflüssigkeit oder Wasser würden irgendwann aus den schlauchförmigen Venen rinnen und für immer versiegen. Sein PS-starkes Herz nicht mehr erwachen ohne elektrisch-elektronische Zündimpulse im Nervensystem seiner Technik.

Der Gedanke tat weh. Ist es Trauer, was du fühlst, Thomas?

Trauer und Traurigkeit, das dein Wegbegleiter, dein LKW ausrangiert wird?

Keine Sorge Mann, eines Tages wirst du auch alt und genauso mitleidlos ausrangiert, Thomas.

Glaubs ruhig, dachte er.

Thomas sortierte die noch immer in den überfälligen Socken steckenden Füße wieder vom Tisch und erhob sich von der Couch. Er trat ans Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Dort unten stand er, sein Großer, schwarz wie Vulkanstein, glänzend im Licht der Laternen. Gigantisch. Schön.

Natürlich war der Lack nicht mehr makellos und das bisschen Korrosion – was machte das schon? Thomas hatte ihn ja nicht immer schonen können und ihm so manche Beule beigebracht.

Jede Schramme hatte ihre Geschichte und Thomas kannte jede einzelne ganz genau. Wenn er nur wollte, könnte er jetzt ansetzen wie ein graubärtiger Geschichtenerzähler: 'Damals in Lion..., ja die Sache in Paris..., irre die Tour nach Oslo... und damals dem Mädel in Mailand hat der Große auch gefallen...'

Thomas wurde von so etwas wie Wehmut gepackt, ohne das er sich hätte wehren können oder wollen. Er verließ seine Wohnung und trug das Bettzeug im LKW auf. Das mattwarme Licht der Straßenlaterne erhellte die Fahrerkabine und sein Blick streifte all die vertrauten Dinge, die er täglich berührte wie selbstverständlich – und erst jetzt ganz bewusst nachvollzog. Er schloss die Gardinen.

'Ach Großer', dachte er im Einschlafen, 'bald muss ich dich aufgeben. Bald bist du weg. Sehr bald. Und dann werde ich heulen wie ein kleiner Junge, wenn keiner es sieht...!'

Und da Ihr alle wisst, das ein LKW nicht seelenlos ist, sondern denkt und fühlt, lasse ich Euch, während Thomas traurig träumt, die Gedanken des Großen lesen:

'Klar lebe ich. Bin nicht nur eine Maschine. Bewege mich. Atme die gleiche Luft wie du. Funktioniere. Manchmal gut und manchmal gar nicht.

Zimperlich bist du nicht mit mir gewesen, Fahrer. Hast mir mehr als eine Schramme verpasst. Ganz zu schweigen von den Flüchen, die ich all die Jahre mithören musste... Weißt du, sei nicht traurig, das mir bald der Weg allen Irdischen bestimmt ist und ich ausgemustert werde.

Irgendwann packen sie dich auch zum alten Eisen, Fahrer!

Mir macht das nichts aus. Ich weiß, das mein Fahrgestell längst nicht mehr auf dem neusten Stand der Technik ist, ich hochkantig durch die Euro-fünf-Norm falle und nun mal keine Fahrerkarte lesen kann. Weißt Du, Fahrer, ich bin eben nicht mehr IN – und da ist es völlig egal, wie viele Tonnen Fracht ich bewegt habe und wie viele Kilometer ich gerollt bin.

Die Techniker sehen mich an, wie dich die achtzehnjährigen Mädels. Dinosaurier. Sei nicht trübsinnig und lass sie mich ausrangieren, bevor ich der Letzte meiner Art bin – denn ich habe keine Lust, mich in einem Technikmuseum beschauen zu lassen, anstelle auf der himmlischen Route 66 zu kruisen...

... habe gehört, da braucht man nicht mal mehr einen Fahrer...

... aber zugegeben...

... die Zeit mit Dir war super und jeden einzelnen Kilometer wert!'


***