Valentin
(Auzug)
Das Thermometer zeigte zwölf Grad unter Null und es sollte noch kälter werden. Valentin durchsuchte die Schubladen und hoffte auf ein Päckchen Tabak, das ihm den Weg zum Zigarettenautomaten ersparen würde. Doch er fand nichts.
Er nahm den schweren Wintermantel von der Garderobe und streifte ihn über. Der Schlüssel glitt in die Manteltasche und in der Hand hielt er ein paar zusammen gerollte Geldscheine.
Valentin mochte den Winter, weil er dann einen Schal so um Hals und Mund wickeln konnte, das nur noch die Nase heraus schaute. Seine Nase war schließlich das einzig Normale in seinem Gesicht. Wenn er dann noch die Mütze tief in die Augen zog, war er so vermummt, das er sich mit gutem Gewissen zeigen konnte.
Er trat auf die Straße und die Kälte drang ihm in Sekunden bis auf die Haut. Fast war es Mitternacht. Er begegnete niemandem und sein Atem zerfiel in eisige Kristalle. Der grob gestrickte Schal kratzte über seine unrasierten Wangen und er wollte nicht länger unterwegs sein als nötig. Er nahm den kürzesten Weg und ging schnell, hatte nicht vor, nach rechts und nach links zu sehen, wollte nur Zigaretten kaufen. Er nahm den Weg durch den Park, kürzte über die hart gefrorenen Böden der Wiesen ab, spürte kaum, wie die vereisten Gräser des vergangenen Sommers unter seinen derben Stiefeln brachen wie sprödes Glas.
Dann verlangsamte er seinen Schritt und starrte auf die Parkbank. Für einen Moment vergaß Valentin die Kälte und sein Herzschlag beschleunigte sich. Klopfte in seinen Ohren. Er rieb sich die Augen mit eiskalten Händen und schaute sich um.
Niemand war in der Nähe, niemand sah ihn.
Es war, als bot die Welt ihm Versöhnung an und der musste nicht lange darüber nachdenken, ob er sie annehmen solle.
Als er eine halbe Stunde später in seine Wohnung zurück kehrte, war ihm nicht mehr kalt. Vielleicht würde ihm niemals im Leben mehr kalt sein. Zigaretten hatte er nicht gekauft.
...
Die Nacht war kalt, fast so wie jene, die Valentins Leben verändert hatte.
Doch davon wusste Hannah nichts. Sie hatte sich in eine Decke gehüllt und wärmte sich die Hände an einer Tasse Tee.
Eisiger Wind riss an den Fenstern und der Frost knackte überall dort, wo man ihn nicht aussperren konnte.
Die Kälte machte Hannah müde.
Der Tisch lag voller Papiere, die geordnet werden mussten. Büroarbeit hatte sie noch nie gemocht. Diese Abneigung hatte sie zweifellos von Valentin geerbt, der keinen Sinn für die Buchführung seines kleinen Fuhrunternehmens hatte. Sie fragte sich oft, wie der Laden in ihrer Kindheit gelaufen war, als sie sich noch nicht darum gekümmert hatte.
Hannah zog die Decke fester um ihre Schultern.
Sie wollte früh schlafen zu gehen.
Der Tee in ihren Händen fühlte sich inzwischen kalt an. Er hätte sowieso nicht geschmeckt ohne Kandis und Zitrone.
Es klopfte an der Tür.
Ein seltsames Klopfen. Zaghaft und leise. Fast so, als würde der Wind mit der kleinen Holzfigur spielen, die an einem Nagel vor der Tür hing. Hannah lauschte. Für eine Weile hörte sie nichts mehr. Vielleicht war es wirklich der Wind.
Hannahs Blick verirrte sich zwischen den unerledigten Papieren auf ihrem Tisch. Kam es ihr nur so vor, oder wurden es beständig mehr, egal wie viele sie abarbeitete? Sie wusste, das Valentin die Nacht liebte, weil die Dunkelheit ihn schützte. Nicht das er das nötig gehabt hätte. Aber ihr Vater war eben kein besonders schöner Mann und neigte dazu, seine Mütze tiefer ins Gesicht zu ziehen und Schal höher zu wickeln als nötig.
Er klopfte erneut.
Sie hatte sich nicht getäuscht. Doch wer machte sich so spät in der Nacht noch zu ihr auf den Weg?
Vielleicht hatte ihr Vater noch Rechnungen in irgendeiner Schublade gefunden, auf die der Steuerberater wartete.
Aber Valentin würde klingeln. Vorher anrufen. Nicht klopfen.
Hannah hauchte in ihre kalten Hände. Sie stand auf und öffnete die Tür, ohne die Decke abzulegen.
Licht fiel hinaus in den Vorgarten, malte Hannahs Schatten in den Schnee.
Da war niemand.
Kalte Luft drängte an ihr vorbei raubte der Wohnung die letzte Behaglichkeit. Hannahs Atem kondensierte, drang als weißer Nebel aus Mund und Nase.
Sie drehte der Dunkelheit den Rücken.
Fast war die Tür wieder hinter ihr in Schloss gefallen, als sich eine kalte Hand fest um ihrem Arm klammerte. Sie schrie auf.
Jemand zerrte an ihr.
Sie stolperte und fiel in den Schnee. Der Boden war hart, genau wie die Oberfläche des Schnees. Sie zerkratzte die Haut an Hannahs Unterarmen.
Sie blickte auf. Sah in ein mageres Gesicht mit unruhig umher zuckenden Augen. Sie erkannte den Mann, auch wenn er nur noch ein Schatten seines einstigen Selbst war.
Onkel Theo, dachte sie.
Es brach ihr das Herz, ihn so verfallen zu sehen. Jedes Mal. Doch wie kam er hier her? Blass, unrasiert, in seinem grauen Haar war keine Spur der Ursprungsfarbe mehr zu erkennen. Es klebte ihm verschwitzt an der Stirn trotz der Kälte. Er trug die schäbige, alte Strickjacke, die sich irgendwie nicht umbringen ließ, egal wie oft Hannah sie in den Müll warf. Verschlissene Pantoffeln an nackten Füßen. Er wird sich den Tod holen, dachte sie.
Augenscheinlich war er abgehauen, trotz aller Sicherheitsvorkehrungen. Ein Wunder, das er den Weg zu ihr gefunden hatte.
„Onkel Theo?“ flüsterte Hannah und rappelte sich auf. Sie klopfte sich den Schnee von den Knien und griff nach Theos Arm. Er war so dünn, viel dünner als ihrer. Den großen, stolzen Mann, der sie durch Kindheit und Jugend begleitet hatte, gab es nur noch in ihrer Erinnerung.
„Was ist denn passiert?“
„Ich muss Dir etwas zeigen“, zischte er. Atemlos, verschwörerisch. Er versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht, den gehetzten, dringlichen Eindruck in seinen Augen zu besiegen.
„Komm“, er umklammerte erneut ihren Arm und zog daran.
Was konnte so wichtig sein, das Theo aus dem Heim floh, um es ihr zu zeigen? Mitten in der Nacht?
„Es ist kalt“, flüsterte Hannah, „komm rein. Ich mach Dir Tee, Onkel Theo. Alles andere kann warten.“
Beruhigend redete sie auf ihn ein wie auf ein Kind, hauchte ihm einen Kuss auf die faltige Stirn. Doch er machte sich steif wie ein trotziger Junge. Entzog sich.
Er schloss den Griff fester um ihren Arm. So fest, das es schmerzte. Sie biss sich auf die Zunge. Kniff ihre Lippen noch schmaler zusammen, als sie ohnehin waren.
Theo mobilisierte ungeahnte Kräfte.
„Ich muss Dir endlich etwas zeigen. Dir die Wahrheit sagen, bevor ich sterbe“, keuchte er. Wankte, aber ließ sie nicht los.
„Du stirbst nicht, Onkel Theo. Was soll denn so wichtig sein mitten in der Nacht, was nicht bis morgen Zeit hätte?“ Altersdemenz hatte vielerlei Ausdrucksformen, redete sie sich ein. „Was willst Du mir denn zeigen?“
„Ein Grab, Kind. Ein Grab!“
Die Tür zur Wohnung stand noch immer offen, Licht fiel heraus, malte noch immer Schatten. Sie musste Theo dazu zu bewegen, mit ihr ins Haus zu gehen. Sie wollte sich von ihm nirgendwo hin schleppen lassen. Schon gar nicht auf einen Friedhof.
Sie schüttelte den Kopf und versuchte, ihren Onkel in Richtung Tür zu schieben.
Er wehrte sich nach Kräften.
Eine weitere Gestalt taucht aus der Dunkelheit des Gartens auf. Zuerst war nur der Atem zu sehen, verwandelt in Rauch. Dann ein ungewöhnliches Gesicht. Ein Antlitz ohne Symmetrie, ohne jede Spur von Schönheit.
Valentin.
„Papa“, Hannah war erleichtert.
„Komm“, antwortete er mit jener Stimme, die ihr Ruhe gab, seit sie ein Kind war. Einer Stimme, die sie in Nächten voller böser Geister getröstet hatte. „Wir bringen ihn ins Haus.“
Der alte Mann wehrte sich nach Leibeskräften.
„Das Grab, Hannah, das Grab! Es ist wichtig!“
Valentin schob ihn ins Haus.
Die Wohnung war ausgekühlt, aber immer noch wärmer als die Nacht.
„Du holst dir noch den Tod Theo“, murmelte er kopfschüttelnd.
„Friedhof“, stammelte er, „Grab“. Wie im Fieber. Seine Augen waren gerötet, seine Stirn noch immer schweißnass. Hannah suchte nach ihrer Decke. Sie lag noch draußen im Schnee.
„Die aus der Anstalt haben mich angerufen, als sie gemerkt haben, das er weg ist. Ich dachte mir, das er zu dir wollte.“
„Wieso?“ Hannah legte Theo die Hand auf die Stirn. „Ich glaube, er hat Fieber.“
„Seit er senil ist, will er doch immer zu dir, wenn es ihm schlecht geht“, erklärte Valentin.
„Schon, aber wieso sollte er mir ein Grab zeigen wollen?“
Valentin zog fragend die Schultern hoch. „Ich weiß es nicht.“
Er breitete seine Arme aus und Hannah ließ sich an seine Brust sinken.
„Es tut so weh zu sehen, was aus ihm geworden ist“, flüsterte sie leise genug, um es den Onkel nicht hören zu lassen.
Valentin nickte.
(...)