Anett Steiner

Der Wechsel allein ist die Beständigkeit - Schopenhauer

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Die Tochter des Spediteurs

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Textauszug Kapitel 9

...

Marianne entschied, ihre Reise zu unterbrechen.

Der Tag sollte zwar kalt aber klar werden und Marianne tat es gut, sich den eisigen Wind über die heißen Wangen steichen zu lassen – es war, als läutere er ihre Gedanken und kühlte ihr Fieber ab, das sie immer empfand, wenn sie suchte. Die Landschaft war schneegezuckert und Marianne musste ihre Augen vor den Reflektionen der Sonne schützen.

Für ein paar Stunden dachte sie an nichts mehr, nicht an Johann, nicht an Sarah, weder an Thea noch an Dennis oder an Wingert, nicht einmal mehr an Friedrich.

Es gab nur den Wind und die Kälte, den Schnee und eine alternde Marianne. Sie begriff es in dem Moment, da sich ihr Gesicht im Wasser des Sees spiegelte, in den sie von einem kleinen vereisten Bootssteg hinab schaute.

Was hatte Marianne denn erreicht in ihrem Leben? Seit 26 Jahren arbeitete sie auf dem Autohof. Kein Mann, keine Kinder, kein Haus,  nur die Eigentumswohnung und das ewige Warten. Dabei bist Du alt geworden Marianne, dachte sie, auch wenn sie sich bis zu diesem Moment nicht ein einziges Mal alt gefühlt hatte. Doch jetzt, jetzt war ihr klar – nicht lange, dann war sie eine wirklich alte Frau, die ihr Leben verpasst hatte.

Doch wer hatte ihr Leben auf dem Gewissen? Friedrich oder sie selbst? Sie wollte bei einem Kaffee darüber nachdenken und vielleicht ein für alle Mal ihre Suche aufgeben, um den Rest ihrer Tage endlich einfach nur unbeschwert zu leben.

Sie ging vom Bootssteg auf den Weg zurück und von dort in ein Cafe. Es war ein Internetcafe und bei einer Tasse Espresso rief Marianne nochmals die Seite auf, auf der sich Friedrichs Vermißtenanzeige befand. Jene Seite, von der sie den Hinweis hatte, man habe ihn regelmäßig in einem Züricher Lokal gesehen.

Zürich – Marianne war noch niemals in Zürich gewesen – und das musste man Friedrichs Verschwinden gutheißen: auf der Suche nach ihm hatte sie beinahe die ganze Welt bereist. Doch sie hatte nie wirklich die Länder gesehen, die Leute, sondern immer nur einen Geist von Friedrichs vermeintlicher Spur. Dies sollte ihre letzte Reise sein, die sie seinetwegen angetreten hatte.

Jetzt war sie so weit gekommen, jetzt würde sie auch nach Zürich weiterfahren in jenes Lokal – nur diesen einen Weg noch, nur noch dieses eine Mal.

Marianne legte sich früh schlafen, ihr war kalt und sie war müde geworden von der frischen Luft und den Gedanken. Sie dachte noch eine Weile an Johann und an Sarah und daran, das sie wohl nie erfahren würden, ob sie Johanns oder sonstwessen Tochter war...

Am nächsten Morgen machte sie sich nach dem Frühstück auf den Weg nach Zürich.

...

...

Es war keine gute Gegend, in der sich das beschriebene Lokal befand. Jedenfalls sagte das Mariannes Bauch. Die Straße war zugig und die Häuserschluchten lang und tief, es war, als wolle kein Tageslicht und auch keine frische Winterluft dorthin gelangen. Auch ohne den hereinbrechenden Abend wäre es hier dunkel gewesen und Marianne fühlte sich nicht wohl. Ihr Magen war nervös und schmerzte ein wenig von zuviel Kaffee und zuwenig Essen, ihre Zehenspitzen kribbelten und ihre Finger zitterten leicht, als sie die schwere Holztür zum Lokal aufstieß. Lärm und Rauch schlugen ihr entgegen, süßer Geruch und heiße Luft.

In der Tasche hatte sie den Ausdruck des verschwommenen Fotos aus dem Internet, das den Unbekannten mit rotem Bart zeigte, unkenntlich eigentlich, um ehrlich zu sein, aber manchmal verwirrte die Hoffnung eben den klaren Verstand. Aber wer sollte ihn darauf erkennen?

An einem solchen Ort sollte sie Friedrich finden? Sie glaubte nicht daran und noch halb in der Tür stehend entschied sie sich, wieder zu gehen.

Gerade wollte sie sich von Lärm und Rauch abwenden und wieder auf den schmutzigen Bürgersteig, auf die kalte Straße hinaustreten, als jemand ihre Tasche entriss.

Schneller als Marianne reagieren konnte, hatte der Dieb ihre beste Tasche aus echtem, weichen Leder mit goldenen Applikationen und mitsamt allem Inhalt, den Papieren, dem Geld, den Kreditkarten und  dem Ausdruck des verschwommenen Fotos fort genommen. Marianne konnte nur erschrocken aufschreien.

„Haltet ihn, er hat meine Tasche!“

Und tatsächlich eilte ein großer Mann die Straße herauf und folgte dem Taschendieb mit weit ausladenden Schritten.

Marianne traute ihren Augen kaum, als sie ihn erkannte.

...

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