(Fortsetzungsroman) - erscheint in der Zeitschrift: Kryptozoologie-Report
Thomas starrte auf den Bildschirm.
Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Langsam zog er seine Hände von der Tastatur zurück. Es hatte keinen Sinn, weiter zu schreiben.
Er rieb sich die Augen, die pochenden Schläfen, dann stand er auf. Sein Rücken schmerzte.
Der Schreibtisch lag voller Papiere.
„Kulinarische Streifzüge – von Thomas C. Heyne“, „Stadtpark wieder eröffnet – von Thomas C. Heyne“, „Opernpremiere – von Thomas C. Heyne“. Artikel über Artikel, die er für die verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften verfasst hatte, türmten sich zu einem nutzlosen Haufen. Worte, nichts als Worte. Hohl und leer und außerstande, jemanden zu interessieren.
Die Konkurrenz war stark geworden in den letzten Monaten. Es gelang ihm nur noch selten, Artikel zu verkaufen. Zu selten.
„Verdammt!“ Thomas schlug mit der geballten Faust auf den Schreibtisch, so das ein paar Papiere durcheinander kamen, ein paar Stifte zu Boden fielen.
Mehr geschah nicht.
Außer, das er sich dabei weh tat und das Handgelenk verdrehte.
Kultur, Politik, Sport. Die klassischen Themen einer jeden Tageszeitung. Doch nichts von all dem verkaufte sich. Oder war er einfach nicht mehr gut genug?
Seine Brieftasche war dünn geworden, sein Wagen stand mit leerem Tank auf der Straße vor dem Haus. Thomas zog es vor, Zigaretten und Kaffee zu kaufen, das war wichtiger als Benzin.
In der oberen Schreibtischschublade schlummerten unbezahlte Rechnungen. Dabei hatte er immer gedacht, das es geschiedene Männer waren, die auf den finanziellen Ruin zu steuerten. Das das nun auch ihm drohte, wollte er nicht wahr haben.
Er stolperte über eine leere Flasche Wein, die seit dem vergangenen Abend auf dem Fußboden umher rollte und keinen Ort fand, wo sie stranden konnte. Dann nahm er sich die Tageszeitungen vor, die sich auf einem Beistelltisch gesammelt hatten. Seit er nichts mehr darin veröffentlicht bekam, las er sie auch nicht mehr. Jetzt hatte er es auf den Anzeigenteil abgesehen. Er brauchte einen Job.
Vor den Fenstern zog ein Gewitter auf. Der Himmel verdunkelte sich, ferne Donner kamen näher, Blitze zuckten, warfen seltsame Schatten auf die Einrichtung der Wohnung. Eigentlich hätte er das Licht anschalten müssen. Doch er war zu träge, noch einmal aufzustehen. Stattdessen zog er eine Decke von der Couch, legte sie um seine Schultern. Es war kühl im Zimmer. Die Zeitung lag weiter aufgeschlagen auf dem Tisch, doch Thomas Blick hatte sich in der Schwärze vor dem Fenster verloren, trug seine Gedanken fort. Weit kamen sie nicht. Wurden von einem Hagelschauer nieder geschlagen.
Als er fast eingeschlafen war, klingelte es an der Tür. Thomas schreckte hoch, schlug sich das Knie am Tischbein an, fluchte leise. Der Regen trommelte noch immer gegen die Scheiben. In der Ferne verhallte ein letzter Donner.
Thomas sah auf seine Uhr, es war kurz vor zehn Uhr Abends. Wer konnte um diese Zeit noch etwas von ihm wollen?
Bevor er zur Tür ging, schaute er aus dem Fenster. Was hatte er erwartet? Einen Polizeiwagen?
Auf der Straße stand eine dunkle Limousine. Selbst aus dem dritten Stock sah der Wagen teuer aus. Verchromte Stoßstangen und solche Dinge. Die Scheinwerfer bohrten gelbweiße Tunnel in die Nacht.
Thomas kannte niemanden, der einen solchen Wagen besaß.
Er schlurfte zur Tür.
Bevor er öffnete, schaute er kurz an sich hinab. Was hatte er eigentlich an? Jeans und kariertes Hemd. Gut, damit konnte er Gäste empfangen, wenn sie nicht all zu anspruchsvoll waren – was sie nicht sein konnten, so spät am Abend und in diesem Teil der Stadt. Außerdem war er kein besonders gefragter Journalist. Ein Fernsehteam würde es kaum sein. Vielleicht ein Auftragskiller, weil er vor einiger Zeit einen Artikel über Korruption bei der Vergabe von Bauaufträgen geschrieben hatte. Und den hatte man sogar gedruckt.
Es gab keinen Türspion, um das Treppenhaus zu überblicken. Also musste er sich überraschen lassen.
Vor der Tür stand ein Mann mit schwarzem Anzug, weißem Hemd und goldenen Manschettenknöpfen. Etwas über fünfzig Jahre alt, schätzungsweise. Also doch ein Auftragskiller?
Thomas hörte auf zu Lächeln und setzte ein eher neugieriges Gesicht auf. Wer war dieser Mann? Was wollte er? Irgendwie erinnerte er Thomas an einen Butler. Vielleicht ein Chauffeur? Der Fahrer der dunklen Limousine. Doch wer hatte ihn geschickt?
„Thomas C. Heyne?“ fragte der Mann. Seine Stimme war weich und kraftvoll. Eine Spur unterwürfig.
Thomas nickte.
„Bin ich.“
„Dann nehmen Sie einen Mantel und kommen Sie mit mir“, sagte der Mann.
(...)




