Regio-Krimi. Entstanden aus den Grundideen zu "Greif" und "Unruhestand" als direkte Zusammenführung vor regionalem Hintergrund.
Ausgezeichnet mit dem Chemnitzer Krimipreis 2011, 3. Platz
„Lieber Theo,
bist Du sicher, das Du Dir das alles gut überlegt hast? Ich meine, ich kenne Dich in und auswendig. Ich habe Dich oft begleitet. Habe mit Dir zu den Falken am Himmel empor gesehen. Ein Wort für die Farbe gesucht, die die Wolken an nehmen, wenn die Sonne ins Meer fällt.
Manchmal hast Du eine Feder aus Deinem Kissen gezupft und sie dem Wind geschenkt. Hast zugesehen, wie er sie davon trug. Das sei die Freiheit, hast Du gesagt. Ich fühlte wie Du, denn ich habe Dir diese Worte in den Mund gelegt. Du hast es nicht gemerkt, sie für Deine eigenen gehalten. Keine Sorge, ich werde Dich nicht aus den Augen verlieren. Was immer Du auch tust.
Herzlichst, Deine Erzählerin.“
Prolog
Ich denke, Theodor Greif wird nichts dagegen haben, wenn ich Euch seine Geschichte erzähle. Jedenfalls das, was ich weiß. Vielleicht habt Ihr ja ein wenig Zeit und gerade nichts anderes zu tun. Eigentlich wollte Theo nur sein Fernfahrerleben an den Nagel hängen, um wieder öfter zu hause zu sein in der Schiersandstraße auf dem Kaßberg. Er wollte seine Ehe retten. Eigentlich. Doch dann holten ihn unerwartete Ereignisse ein, sprangen ihn an, ganz so wie eine Katze vom Dach springt. Entführung, Erpressung, Mord. Naja, alles, was so dazu gehört. Sogar ein Hauch von Liebe. Wo das alles hin führen soll, fragt ihr? Kreuz und quer durch Chemnitz.
Aber lest selbst:
Theo Greif legte den Rasierer aus der Hand und wusch sich den Schaum vom Gesicht. Mit zusammen gekniffenen Augen wartete er darauf, das das Brennen des Rasierwassers nachließ. Von seinem Badezimmerfenster aus hatte er einen ungestörten Blick auf die Schiersandstraße, die parkenden Autos, die Schlaglöcher, die der Winter hinterlassen hatte.
Es war kein gewöhnlicher Morgen. Theo selbst hatte es so beschlossen. Es sollte der erste Morgen eines ganz neuen Lebens werden.
Mit den nassen Händen fuhr er durch sein kurzes Haar, das an manchen Stellen grau, aber noch nicht dünn geworden war.
Er schlüpfte in seine Jeans und holte ein kariertes Hemd aus dem Schrank.
Er war nicht mehr ganz so in Form wie früher, aber alt fühlte er sich nicht.
Der Badezimmerspiegel zeigte ihm grünbraune Augen, schmale Lippen und sanft geschwungene Brauen.
Seine Frau Louisa hatte ihn immer „ihren schönen Mann“ genannt. Er hatte nie gewusst, was er antworten sollte.
Geheiratet hatte sie ihn trotzdem. Damals. Vor mehr als zwanzig Jahren auf dem Wasserschloss.
Ihn, Theo Greif, den Sohn eines Bauern aus Klaffenbach, der unbedingt Fernfahrer werden wollte.
Als kleiner Junge hatte er gern zu gesehen, wenn die Großmutter an sonnigen Tagen die Kissen aufgeschüttelt hatte und sich winzige Federn in den Himmel erhoben, um in Richtung Harthau zu schweben. Dann hatte er sich vorgestellt, sie würden wachsen und er könnte auf ihnen um die Welt fliegen. Oder wenigstens bis Einsiedel.
Nun, er war nie auf einer Feder auf und davon geschwebt, aber Fernfahrer aus Leidenschaft war er trotzdem geworden. Nicht mehr und nicht weniger. Vor allem nicht weniger.
Über zwanzig Jahre hatte er bei TRANSEURO gearbeitet, einer großen Spedition für internationale Routen im Spanien- und Scandinavienverkehr.
Genau genommen hatte er in seinem Leben nur einen wirklich großen Fehler gemacht – er hatte Louisa wieder gehen lassen. Es war ihm nichts anderes übrig geblieben.
Schließlich war sie fair gewesen.
Sie hatte gewartet, bis der Junge erwachsen und aus dem Haus war, bevor sie selbst ihre Sachen packte und die Schiersandstraße hinunter ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Aber sie war als Freundin gegangen, ohne Streit.
Sie hatte kein einziges Möbelstück mit genommen, nicht einmal die antike Truhe ihrer Großmutter. Und sie hatte nichts von ihm verlangt. Das war das bitterste von allem gewesen. Das sie einfach gar nichts mehr von ihm wollte, nichts brauchte, sondern ihr gemeinsames Leben abgeschlossen hatte. Konsequent.
Theo schüttelte den Gedanken an Louisa ab, straffte sich, verließ das Badezimmer.
Etwas Vertrautes trieb ihn durch das Haus wie der Wind jene Kissenfedern seiner Kindheit in Richtung Harthau.
Die Zimmer war immer noch so, wie Louisa sie verlassen hatte und alles in den Räumen, auch er selbst, wartete insgeheim darauf, das sie eines Tages zurück käme.
Nach all den Jahren bei TRANSEURO zu kündigen, hatte Theo eine Menge Kraft gekostet. Es war ihm wirklich nicht leicht gefallen. Die Ferne aufzugeben hieß die Freiheit aufzugeben. Irgendwie. Aber er war fest entschlossen, den Fernverkehr an den Nagel zu hängen.
Vielleicht, um zu Hause auf dem Kaßberg zu sein, wenn Louisa eines Tages tatsächlich zurück kommen würde. Vielleicht, um ein bisschen geregelter zu leben.
Endlich wollte er Zeit haben und für das, was von seiner Familie übrig geblieben war. Für seinen Sohn Marcus zum Beispiel. Möglicherweise würde er wieder Klavier spielen, während er auf Louisa wartete. Krimis lesen, den alten Computer aufrüsten oder den Stapel Rätselzeitschriften in Angriff nehmen, dessen Papier längst vergilbt war. Sich ein Wort für die Farbe des Himmels ausdenken, wenn die Sonne unterging.
Und er wollte einen Hund. Einen Dobermann vielleicht. Oder einen Belgischen Schäferhund. Das würde ihm die Einsamkeit versüßen, solange er allein lebte. Dabei hatte es ihm nie etwas ausgemacht, allein zu sein. Und er war wirklich oft allein gewesen auf den Straßen kurz und quer durch Europa.
Aber so ein Hund würde ihn in Bewegung halten. Ihn davor bewahren, ein paar Kilo zu zu legen und sich wie ein alter Mann zu fühlen, den seine Frau verlassen hatte, weil er sich einst für ein so bleischweres Ding wie die Freiheit entschieden hatte und sie nun auch.
Wie hoch war eigentlich die Hundesteuer in Chemnitz?
Dennoch, einmal Trucker, immer Trucker. Wer dem Fieber der Fahrerei einmal verfallen war, konnte nicht einfach aufhören, wie man mit dem Rauchen aufhörte. Und das war schon schwierig genug.
Niemals würde Theo Greif die Fahrerei ganz aufgeben.
Aber er war bereit, in eine kleine Spedition nach Wittgensdorf zu wechseln. Direkt neben Kühne und Nagel.
Kirchturmtouren, dachte er, als er das Haus verließ und die Luft auf dem Kaßberg süßer roch denn je.
Er lächelte, auch wenn das Wort „Kirchturmtrucker“ ein wenig bitter auf seiner Zunge schmeckte. Eine Katastrophe für jeden Fernfahrer, nur noch so weit zu fahren, wie man sprichwörtlich den Kirchturm noch sehen konnte. Tagestouren eben. Morgens auf dem Speditionshof in der Oberen Hauptstraße in den LKW steigen, nach Grüna, Euba und Mühlau fahren und Abends wieder zuhause sein. Fast so, als ob man sesshaft wäre.
Theo war nicht der Typ, sesshaft zu sein, doch er wollte es auf jeden Fall versuchen. Das dies jedoch alles andere als Ruhe in seine Leben bringen würde, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.
Während er die kühle Luft des Morgens in seine Lungen sog und durch den Vorgarten ging, wünschte er sich, das er seine Entscheidung nicht bereuen musste.
Er hoffte inständig, das er das Fernweh besiegen konnte. Und dennoch wollte er nie die Begeisterung in den Augen seines kleinen Sohnes vergessen, als er das riesige LKW-Lenkrad festhalten durfte, kaum das die kleinen Finger es zu umfassen vermochten.
Inzwischen war Marcus kein kleiner Junge mehr. Er studierte Biotechnologie an der Universität in Chemnitz. Hatte nur als Junge die Leidenschaft seines Vaters für die Fahrerei geteilt, bis er begriffen hatte, das es der Ehe seiner Eltern nicht gut tat. Danach hatte er aufgehört, sich für LKWs zu interessieren.
Gut so, fand Louisa.
Gut so, fand inzwischen auch Theo.
Denn als er mit seiner Frau einmal darüber gesprochen hatte, das er traurig sei, das der Junge nicht in seine Fußstapfen trat, war der Ausdruck in ihrem Gesicht der einer fremden Frau gewesen.
Doch nun begann ein neues Kapitel in Theos Leben, das Abenteuer der Sesshaftigkeit. Ein neuer Job in dieser kleinen Spedition in Wittgensdorf. Vielleicht ein Dobermann oder eben ein belgischer Schäferhund. Sobald er sich nach der Hundesteuer erkundigt hatte.
Das Gartentor fiel quietschend hinter ihm ins Schloss und er machte sich auf den Weg zu DAFT-TRANS. Wenn der Speditionshof wirklich wie angekündigt direkt in der Nähe von Kühne und Nagel lag, würde er ihn bald finden. Bisher hatte er mit seinem zukünftigen Arbeitgeber nur telefoniert, heute aber einen Vorstellungstermin, der seinen Leben eine neue Richtung geben sollte.
Er musste sich dort so gut wie möglich verkaufen. Er war nicht mehr der Jüngste und durfte nicht zu wählerisch sein, wenn er vor Ort wieder Fuß fassen wollte.
Er war nervös. Ein Neuanfang war schließlich immer etwas Aufregendes, egal, wie alt man war. Von den Aufregungen, die zum Neuanfang noch hinzu kamen, ganz zu schweigen. Doch davon wusste Theo noch nichts.
Er bog in die Bodelschwinghstraße, die Waldenburger, dann die Limbacher Straße, auf die Autobahn Richtung Dresden, Abfahrt Röhrsdorf und über den Kreisverkehr. Dort konnte er die große Spedition Kühne und Nagel von weitem sehen, also war der kleine Hof von DAFT-TRANS nicht mehr weit.
DAFT-TRANS war ein familiäres Fuhrunternehmen in der zweiter Generation. Es war Samstag, der Hof lag still. Vereinzelt malte die Sonne Kringel auf den Asphalt, die manchmal so aussahen, als umrahmten sie Öl- und Dieselflecke.
Das kleine Büro des Unternehmens war voll gestopft mit Regalen voller Ordner. Schänke, auf denen sich Ablagen türmten. Der verbliebene Raum bot gerade genug Platz für zwei Schreibtische und einen Besucherstuhl. Heute war Theo der Besucher, der für ihn gedachte Stuhl etwas staubig.
Olaf Daft war ein stiller, etwas aus der Form geratener kleiner Mann um die 40. Seine Augen waren die eines müden Kleinunternehmers, der viel um die Ohren hatte. Jemand, der aussah, als böte ihm der berufliche Stress gerade genug Abwechslung vom privaten Ärger, um alles in der Waage zu halten. Und doch trug sein Blick das gewisse Etwas, das Menschen eigen war, vor denen man sich in Acht nehmen musste. Seine Hände lagen still und ohne jede Bewegung auf seiner Brust verschränkt, während er sich mit dem Schreibtischstuhl gleichmäßig hin und her drehte und Theo musterte. Unverhohlen betrachtete er ihn von oben bis unten, eine Spur misstrauisch, wie Theo fand.
Daft forderte ihn nicht auf, sich zu setzen, also blieb Theo stehen. Er kam aus einem rauen Gewerbe, in dem ein derber Ton vorherrschte, er war nicht empfindlich. Es machte ihm nichts aus. Er wollte einen Job und keine Streicheleinheiten.
Da er auch nicht zum Sprechen aufgefordert wurde, schwieg er. Auch das machte ihm nichts aus.
„Sie fahren also seit mehr als zwanzig Jahren ununterbrochen LKW. Das ist schön, doch wieso wollen Sie das von nun an bei mir tun?“, fragte Daft so plötzlich, das es Theo geradezu überraschte. Seine Stimme war tief und dunkel und wollte nicht so recht zu dem kleinen, molligen Mann passen.
Während Theo angestrengt über die Antwort nach dachte und die Worte auf seiner Zunge zurecht legte, schwang die Bürotür auf und schlug ihm in den Rücken. Theo wollte zur Seite ausweichen, doch dafür war entschieden zu wenig Platz.
Daft wies nun doch auf den staubigen Besucherstuhl und Theo setzte sich.
Eine zierliche, fast schüchtern wirkende Frau trat ein. Sie hatte langes, dünnes Haar, mausgrau. Sie trug ein hübsches Kostüm, war dezent und geschickt geschminkt, aber für Theos Geschmack zu blass und zu mager.
Theo erhob sich also wieder von seiner staubigen Sitzgelegenheit.
„Meine Frau“, stellte Daft die wie durchscheinend wirkende Gestalt vor. Nicht ohne Stolz in seiner dunklen Stimme.
Die durchscheinende, zerbrechliche Person, die Theo an einen unglücklichen Geist erinnerte, reichte ihm ihre kalte Hand:
„Josefine Daft“, sagte sie. Ihre Stimme war noch dünner als sie selbst, klang silbern und spröde wie Glas.
„Angenehm“, log Theo, dem dieser Schatten einer Frau alles andere als angenehm war, „Greif..., Theodor.“
Dennoch besann er sich gerade noch rechtzeitig auf seine gesellschaftlichen Umgangsformen und rückte den staubigen Stuhl aus dem Weg, damit Josefine Daft zu ihrem Mann hinter den Schreibtisch gelangen konnte.
Seltsames Paar, dachte er. Da hatten er und Louisa zweifellos ein besseres Bild abgegeben. Doch Theo erlaubte seinen Gedanken nur eine kurzen Ausbruch in die Vergangenheit, dann klopft er sich möglichst unauffällig den Staub von der Jeans.
„Meine Frau macht die Buchhaltung und teilweise auch die Disposition“, führte Daft aus und trat mit einen halben Schritt, mehr war in dem kleinen Büro nicht nötig, ans Fenster und schwieg eine Weile die Welt dort draußen an. Seine Frau stand bewegungslos zwischen ihm und Theo, erinnerte an eine Statue, der es an Lebendigkeit fehlte.
Die Luft im Raum war unbemerkt klebrig und schwer geworden, fand Theo. Er war frische Luft gewohnt.
„Podowski kommt gerade“, erklärte Daft dann und wendete sich wieder dem Inneren des Raumes und somit Theo zu:
„Auch wenn Sie schon lange genug fahren, um Ihr Handwerk zu verstehen, möchte ich Sie doch um eine Probefahrt bitten, Herr Greif. Wie wäre es mit einer kleinen Runde, bevor ich mich entscheide?“
Theo freute sich über Möglichkeit, dem engen Raum und der Gegenwart des Geistes zu entkommen und erwiderte:
„Natürlich. Sehr gerne.“
Daft bedeutete seiner Frau, sie möge ihm einen Schritt von der Seite weichen, wo sie sich wie eine Feengestalt und nicht wie ein reales menschliches Wesen materialisiert hatte. Dann öffnete er das Fenster. Hatte er die klebrige Luft auch bemerkt, durch die noch immer Staubpartikel tanzten, die Theo von seiner Jeans geklopft hatte?
„Podowski!“ rief Daft hinaus, mit mehr Volumen in der Stimme, als Theo ihm zugetraut hätte, „Sie können jetzt Feierabend machen! Übergeben Sie Herrn Greif nur noch Ihre Fracht und die Papiere!“
Und zu Theo gewandt:
„Gehen Sie bitte schon vor, ich komme nach.“
Theo verabschiedete sich von Josefine Dafts kalter Hand und verließ das Büro nicht ohne einem Schauer auf dem Rücken. Er schüttelte ihn ab um auf dem Hof den ersten potentiellen neuen Kollegen kennen zu lernen. Schon jetzt hatte er das Gefühl, das seine Kirchturmtruckerei vielleicht spannender werden würde als erwartet.
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