Preisträger-Geschichte zum Schreibwettbewerb St. Martin/Hattersheim. Sie erschien im Oktober 2011 unter ISBN 978-3-937962-30-6 in "Wohnungslose Menschen - Penner, Berber, Bettler, Vagabunden - Lesebuch 1" (kleine hattersheimer hefte 20).
Ich konnte nicht schlafen. Ich erinnere mich genau daran. Ich stand auf und fror. Zog meinen Morgenrock über, ging in die Küche. Musste nicht leise sein. Würde niemanden wecken. Setzte mich an den Tisch, rauchte eine Zigarette. Bitter und übelriechend. Das tat ich manchmal. Ohne zu wissen, warum.
Der Schlaf kam nicht zurück, auch wenn mir die Müdigkeit schmerzend in den Gliedern steckte. Alles war anders, alles aus dem Lot.
Ich rauchte eine zweite Zigarette, wartete auf die Übelkeit, die nicht kommen wollte. Dann zog ich mich an und ging die dunkle Straße entlang. Legte meine Hand auf die zugefrorene Scheibe eines Autos, schaute den Mond an, ging weiter. Irgendwohin.
Dann fand ich dich.
Ein Bündel.
In Decken gehüllt. So leicht, als würdest du nichts wiegen. Ich nahm dich mit. Weiß nicht, wer dich in den Park gelegt hatte. Ich nahm dich einfach mit und hatte von diesem Tag an eine Tochter.
Zum ersten Mal war ich froh, das mein Mann mich verlassen hatte. Niemand da, dem ich erklären musste, wo du her kamst.
Ich legte dich auf den Küchentisch und entfaltete die Decken. Du trugst eine gelben Strampelanzug. Verwaschene Blumen darauf. Die Decke, in die du gehüllt warst, war alt und schmutzig. Die Fasern hart. Kratzten an deiner zarten Haut. Hatten sie rot werden lassen.
Irgendwo im Schrank fand ich die Trinkflaschen. Ich erinnerte mich nicht, wie viele Jahre sie dort schon lagen. Milchpulver, Säuglingsnahrung. Ich hatte nichts davon weg geworfen. Vielleicht war das der Grund, warum mein Mann sich getrennt hatte. Weil das Kind, auf das wir uns freuten, in meinem Bauch gestorben war. Auch wenn das Bettchen schon im Kinderzimmer wartete, die Windeln gebügelt im Schrank lagen, gleich neben den Fläschchen und dem Milchpulver.
Was für ein Glück für dich, kleiner Findling, dachte ich.
Ich nahm dich und drückte dich an mich. Dein kleiner Körper war kalt, nur langsam nahm er meine Wärme an. Hoffentlich hast du nicht zu lange in der Kälte gelegen.
Wenn ich nicht gekommen wäre, weil ich nicht schlafen konnte, wärst du vielleicht gestorben.
Ich nannte dich Anna.
Ich nannte dich meine Tochter.
Ich liebte dich vom ersten Augenblick an.
Ich windelte dich, wusch dich.
Sorgte dafür, das du jeden Tag satt wurdest.
Dafür hast du mich angelächelt, mit strahlenden Augen und zahnlosem Mund.
Ich erinnere mich genau an den Tag, als du das erste Mal „Mamma“ zu mir sagtest.
Natürlich sind wir aus der Stadt weggezogen, kurz nachdem ich dich im Park gefunden hatte.
Ich wollte nicht, das mich jemand fragte, wo du plötzlich her gekommen bist, wo doch alle wußten, das das Kind in meinem Bauch gestorben war. Und ich wollte nicht, das mein Mann uns fand. Er hätte gewußt, das du nicht meine Tochter bist.
Aber du bist meine Tochter.
Deshalb zogen wir weg.
Zogen in diese riesige Stadt mit den vielen Straßen und so vielen Postleitzahlen, als wäre die Stadt ein ganzes Land. Wir zogen in ein großes Mietshaus. Anonym.
Niemand interessierte sich für uns und das war gut so.
Nur manchmal habe ich mich gefragt, was aus deiner richtigen Mutter geworden ist. Ob sie nach dir gesucht hat, im Park. Ob sie sich im Krankenhaus informiert hat, ob ein Kind gefunden worden war.
Egal, sie wollte dich nicht. Warum auch immer. Vielleicht hatte sie kein Zuhause für dich.
Ich schon.
Du warst ein hübsches Mädchen. Mein ganzer Stolz.
Gut in der Schule.
Nur manchmal wolltest du wissen, wer dein Vater ist.
Ich hatte keine Ahnung, wer dein Vater, wer deine Mutter sind. Also sagte ich, das ich deine Mutter bin und mein Mann mich verlassen hat.
In gewisser Weise war das sogar die Wahrheit.
Irgendwann, du warst fast sechzehn Jahre alt, wolltest du deine Geburtsurkunde haben. Du wolltest zur Stadt gehen, einen Ausweis beantragen. Einen Führerschein fürs Mofa machen. Solche Dinge eben.
Ich konnte dich nicht davon abbringen.
Und ich konnte dir keine Geburtsurkunde geben.
Und dann ging alles so schnell, das ich es kaum begreifen konnte.
Das Jugendamt wollte einen Gentest und weil er nicht aussagte, das du meine Tochter bist, wollten sie eine Adoptionsurkunde.
Ich hatte keine.
Ich musste dir sagen, das ich nicht deine Mutter bin.
Das ich dich nur mitgenommen habe in jener mondlosen Nacht voller eiskalter Luft. Schlaflos.
Verstand nicht, warum du mich deshalb plötzlich hassen musstest.
Doch das hast du getan. Mich gehasst.
„Ich hasse dich“, hast du gesagt, weil ich nicht deine Mutter war.
Sie haben dich ins Heim gebracht, doch dort bist du nicht lange geblieben. Du bist abgehauen, lebst seitdem auf der Straße.
Ohne Familie, ohne Dach über dem Kopf. So, wie ich dich damals gefunden habe.
Ich halte dein Bild in der Hand, das letzte, was ich von dir habe. Du schönes Mädchen, wie hübsch du bist. Langes, rotblondes Haar, große, dunkelbraune Augen, Sommersprossen und dieses Lächeln auf dem Gesicht, das mir das Herz übergehen lässt...
Vor ein paar Tagen hab ich dich gesehen. Unten bei der Brücke am Fluss. Du hast dir die Haare abgeschnitten. Deine schönen Haare... und du lebst da zwischen Kartons und Bierflaschen bei Leuten, die dich nicht kennen. Die dich nicht lieben. Nicht so, wie ich.
Anna...
Ich...
...weiß nicht, was ich dir sagen soll. Wie ich dir erklären soll, das du das einzige Glück warst in meinem Leben.
Du wirst nicht wieder nach Hause kommen. Das ist mir klar.
Also werde ich zur dir kommen müssen.
Werde dir zeigen müssen, das mir nichts wichtiger ist, als du.
Also gab ich meinen Job auf. Verließ meine Wohnung und lebe jetzt ganz nahe bei dir. Nur ein paar Straßenecken weiter. Ich hülle mich in die Decke, in der ich dich gefunden habe, damals.
Meine Liebe zu dir zerreißt mir das Herz.
Was soll ich noch tun, um dir das zu beweisen?
Ich habe nicht mehr als du. Bin nicht mehr als du. Manchmal sehen wir uns bei den Tafeln. Oder in kalten Nächten, wenn du nicht genug Wärme in den U-Bahntunneln und bei deinen neuen Freunden findest, dann sehen wir uns bei der Wohlfahrt. Essen die selbe, heiße Suppe.
Doch wir sind Fremde.
Warum nur?
Weil ich dich nicht geboren habe? Wieso musst du mich deshalb hassen? Wo ich dich doch so sehr liebe, das ich immer dort sein will, wo du bist. Und sei es auf der Straße oder im Armenhaus...
Es ist die Liebe, die uns zu Obdachlosen macht. Meine Liebe zu dir und deine, die ins Namenlose zieht. Die kein Ziel hat, weil du deine wirklichen Eltern nicht kennst. Doch musst du mich deshalb verstoßen?
Eines eisigen Morgens im Februar, es muss der 18. Jahrestag deines Findens gewesen sein, sah ich dich nicht mehr. Nicht unter der Brücke, nicht bei den Tafeln, nirgends in den Tunneln der U-Bahn.
Was mir dir passiert ist, muss ich nicht lange fragen. Erfroren bist du in der Nacht. So, wie du schon 18 Jahre zuvor erfroren wärst, wenn ich dich nicht gefunden und zu mir genommen hätte, wie eine Tochter.
Ich ging zum Fluss, weil es dort am kältesten war und legte meinen Mantel ins eisige Gras. Gefroren und spröde brach es unter meinen Gewicht.
Der Schlaf kam bald. Die Kälte durchdrang mich bis in die letzte Kammer der Erinnerung, die noch voller Wärme war beim Gedanken an dich.
Ich dankte Gott, das ich dich 18 Jahre lang bei mir haben durfte. Es waren die schönsten meines Lebens, Kind. Vielleicht werden wir im gleichen Grab liegen dürfen, weil sie mich morgen früh finden werden, wie sie dich heute gefunden haben.
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