Eine dunkle Geschichte
Enrique sah die Anhalterin schon von Weitem.
Es war eine lange staubige Straße, die er an diesem heißen Sommertag mit seinem glänzenden Truck entlangfuhr, die Gräser lagen schwer an den Straßenrändern, die Felder träge reif zur Ernte.
Die Sonne stand hoch, das Wasser war knapp und die Menschen dösig von der andauernden Hitze.
Enrique war ein Einzelgänger und hatte schon immer seine eigenen Gesetze gemacht, weil die der Gesellschaft nur selten in seinem Interesse waren.
Er hatte keine Frau, keine Kinder, nur eine alte Mutter, ein paar Schulden und ein dunkles Geheimnis.
Die Anhalterin am Straßenrand wurde zunehmend deutlicher, je mehr Enrique sich mit seinem Truck näherte.
Ihr langes, blondes Haar wehte böig im Wind. Die endlos scheinenden Beine steckten in knieübergreifenden Stiefeln. Während die Anhalterin mit einer Hand die Augen vor der Sonne schützte, winkte ihre andere Hand Enrique zum Anhalten.
Er überlegte, ob er sie mitnehmen sollte.
Es wäre nicht die Erste.
Er schaute sich im Fahrerhaus um und entschied, das es ganz ordentlich aussah, abgesehen von dem herumliegenden Schuh im Beifahrerfußraum und ein paar blauen Perlen...
Andererseits...
...andererseits sollte er es vielleicht nicht übertreiben...
Enrique griff nach der Wasserflasche und nahm einen kräftigen Schluck. Er verlangsamte seine Fahrt, um mehr Zeit zum Überlegen zu haben, bevor er die Anhalterin erreichte. Noch war er sehr unentschlossen, ob er sie mitnehmen sollte.
Wohltuend rann das Getränk seine Kehle hinab, obwohl es inzwischen die Temperatur von Spülwasser erreicht hatte. Egal.
Wasser braucht der Mensch, Wasser braucht er bei dieser Hitze sonst kann er nicht denken und wer nicht denkt, macht Dummheiten... Auf dem Beifahrersitz lag noch eine dieser verdammten blauen Perlen, Enrique hatte sie wohl übersehen.
Die Frau am Staßenrand kam immer näher, winkte ihm unaufhörlich zu. Sie hüpfte dabei und alles an ihrem Körper begann zu schwingen – Enrique musste wegsehen – aber der Glanz ihrer Beine in den Nylons ging ihm nicht so schnell aus dem Kopf. Jetzt sollte er sich entscheiden, sonst würde er in wenigen Augenblicken an ihr vorüber gefahren sein...
Anhalten? Dummheiten machen? Wasser trinken, Wasser, Wasser, verdammte Hitze.
Enrique griff noch einmal zur Flasche und während er trank, schaute er auf die andere Seite der Straße, weg von der Anhalterin und gab Gas. Mit größtmöglicher Beschleunigung fuhr er an ihr vorbei.
Im Rückspiegel konnte er sehen, wie sie von einer Staubwolke eingehüllt wurde, wie sie schimpfte und fluchte und ihm den Mittelfinger zeigte, weil er nicht angehalten hatte.
Die Anhalterin warf ihren Rucksack zu Boden, schrie mit unhörbarer Stimme Beschimpfungen hinter ihm her.
Als Enrique weit genug von ihr entfernt war, lehnte er sich entspannt zurück und trank erneut von dem spülwarmen Wasser. Geschafft!
Es wäre nicht gut gewesen, wenn die Frau eingestiegen wäre.
Nicht gut. Nein. Nicht, so lange noch der rote Absatzschuh ihrer auf immer verschwundenen Vorgängerin im Beifahrerfußraum seines LKW besitzerlos hin und her rollte und sich immer noch die blauen Perlen der zerrissenen Kette finden ließen -
Enrique dachte bei einem letzten Blick in den Rückspiegel: „Mädchen, reg dich nicht so auf, weil ich dich hab stehen lassen – denn damit hast du nochmal Glück gehabt. Nur deshalb bist du noch am Leben...“
Wenige hundert Meter hinter ihm, da wo der Staub sich langsam um die Person am Straßenrand legte, entledigte sich die Anhalterin ihrer Verkleidung. Sie nahm die Perücke mit den wehenden blonden Haaren vom Kopf, unter der es ohnehin nur schrecklich juckte und zog die drückenden Stiefel aus. Es war keine Frau, es war ein Mann in Kleidern mit einem langen Messer in seinem Rucksack.
Er ärgerte sich und dachte: „Sei froh, Trucker, das du mich nicht mitgenommen hast, denn damit hast du nochmal Glück gehabt und wirst am Leben bleiben!“
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