Anett Steiner

Der Wechsel allein ist die Beständigkeit - Schopenhauer

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Die Malerin

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Victoria legte den Pinsel beiseite und wischte ihre Finger ab, an denen die Ölfarbe klebte wie am Morgen die Erinnerung an die Nacht. Sie stemmte die Hände in ihre  Hüften und blies sich das gelockte Haar aus der Stirn.

Zufrieden betrachtete sie ihr Werk.

Bis zur Galerieeröffnung blieben noch zwei Wochen.

Sie hatte das neunte Portrait fertig gestellt. Zehn waren geplant.

Langsam ging sie die Staffeleien ab. Schweiß tropfte von ihrer Stirn in den freizügigen Ausschnitt, den der offene Arbeits-Kittel nur unzureichend bedeckte.

Das Thema ihres Projektes war klassich. Sie nannte es „Der Mann“.

Sie hatte „den Wütenden“ portraitiert, „den Denker“ in klassischer Pose, „den Erschöpften“, „den Ruhelosen“, „den Besorgten“, „den Revoltierenden“, „den Hässlichen“, „den Schlafenden“, „den Feigling“.

Jetzt fehlte noch „der Schöne“.

Sie stellte sich einen muskulösen Mann dafür vor. Ein Hauch von Arroganz auf dem Gesicht. Ein Akt. Das Bildnis eines nackten Mannes. Eines schönen, nackten Mannes. Es würde ihre Serie abrunden und vervollständigen. „Der Schöne“ war das wichtigste Bild, das Anspruchsvollste und auch das Schwierigste.

Victoria schwitzte. Die Hitze war unerträglich. Die Innere, die Äußere. Sie stieß alle Fenster auf und ließ den weißen Arbeitsmantel von ihren Schultern gleiten. Gern hätte sie sich auch ihres Kleides erledigt, aber sie fand ihren Körper zu massig, um ihn nur in Unterwäsche zu kleiden. Noch nicht einmal für sich selbst.

Sie war allein im Atelier und setzte sich auf die Couch, die sie eigens für „den Schönen“ gekauft hatte. Dort sollte ihr Modell bequem posieren können. Die Kissen waren weich, rochen aber bereits nach dem Terpentin, mit dem sie die Pinsel auswusch.

Victoria massierte ihre schmerzenden Waden. Ihre Beine hatten eine Menge Gewicht zu tragen. Das Selbstportrait, das sie hinter verschlossenen Türen hielt, zeigte eine  klassische Rubensfrau.

Sie war besorgt.

Ein wenig nur, aber besorgt.

Die Agentur hatte ein Foto geschickt.

Das Model war perfekt. Es sah gut aus und hatte diese Arroganz im Blick, die nur extrem schönen Menschen eigen war.

Das schöne Modell, die mollige Malerin – konnte diese Kombination funktionieren?

Victoria begrüßte ihn ohne viele Worte.

Worte waren nicht wichtig für eine stille Kunst wie die ihre.

Er lächelte. Er war wirklich schön.

Er entkleidete sich, bewegte sich ohne Scheu und Scham. Seine Nacktheit wirkte nicht bloss, sondern elementar. Er war auf eine natürliche, unaufdingliche Weise muskulös, ganz anders als ein Bodybilder.

Wortlos deutete er auf die Couch.

Victoria nickte.

Er nahm eine liegende Pose ein, aufgestützt auf einen Arm. Sein Bauch war flach, seine Brust glatt. Die Haut schimmerte golden und seidig.

Sie begann zu zeichnen.

Linien, Rundungen, Wellen, Schatten.

Sie hatte mehrere Sitzungen vorgesehen.

Zuerst entstanden die Umrisse.

Immer wieder glitt ihr Blick zur Couch, strich über den Körper des Modells wie der Pinsel über die Leinwand.

Sie stellte sich vor, wie es wäre, ihre Hand nach ihm auszustrecken. Nicht aus Begierde. Einfach nur, weil er so schön war.

Victoria tauchte den Pinsel in goldenes Braun und füllte damit die Tiefen seines Nabels, die Schatten in seinen Kniekehlen.

Wie er wohl schmeckte?

Draußen verschwand das Tageslicht mit einem letzten  bleifarbenen Gruß.

Victoria stellte den Pinsel ins Terpentin. Die Farbe blutete darin aus und hinterließ ölige Flecken wie Benzin in einer Wasserpfütze.

Sie spürte, das ihr Modell sie musterte.

Er findet mich plump und reizlos, dachte sie. Er posiert nur, weil ich ihn bezahle. Die inneren Werte erkennt man nicht an der Größe des Busens oder dem Volumen des Hinterteils.

Sie betrachtete, was sie bisher gezeichnet hatte. Sie war enttäuscht.

„Ich kann dich nicht zeichnen“, platzte sie heraus. „Es geht nicht.“

Bisher hatte der Schöne sich nicht ein einziges Mal bewegt. Reglos wie eine Marmorfigur hielt er die Pose. Adonis ohne Atem.

Jetzt rührte er sich doch.

Wieso nicht, wollte er fragen.

Sein schöner Mund öffnete sich und schloss sich wieder ohne einen Laut.

Er konnte nicht atmen, wenn sie ihn ansah. Niemals war er einer sinnlicheren Frau begegnet. Die wogende Fülle ihres Körpers versprach so viel Wärme und Weichheit. Auf ihren Lippen glänzte der Schweiß in milchigen Perlen, die nicht nach Lippenstift schmecken konnten. Ihr Gesicht war natürlich und ungeschminkt. Wie sie ihn mit ihren Augen abgetastet hatte und das sie nun jeden Millimeter seiner Haut unverhüllt kannte, erregte ihn.

Was konnte er tun, damit nicht alles schon vorbei war?

Er wandte sein Gesicht ab. Über den aufgestützten Arm drehte er den Kopf nach hinten, blickte über seine Schulter  in ein schwarzes Fenster, das sein Spiegelbild zeigte. Er musste nachdenken, nur für einen Moment.

Die Pose war atemberaubend.

„Bleib so!“, keuchte Victoria, „Genau so!“


Mit milchweißem Licht fiel der Morgen vom Himmel.  Victorias Bild war fertig. Nach nur einer einzigen Sitzung.

Und es war perfekt.

Der Schöne löste sich aus seiner Pose, die er die ganze Nacht lang für Victoria gehalten hatte. Nur dafür, das sie ihn weiter ansah und nicht aufhörte, ihn zu zeichnen.

Er erhob sich von der Couch und kleidete sich an.

Der Abschied lauerte in einer Ecke des Zimmers, die der Morgen nicht erhellte.

Für einen Moment standen die Malerin und ihr Modell ganz nah beieinander und betrachteten die Leinwand...

...

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Wie es weiter geht? Nun, diese Geschichte erschien in der Anthologie "Eine runde Sache 2" - Aber es ist nicht die Einzige, die in dieses wunderbar sinnliche Büchlein Einzug hielt. Auch "Die zweite Besetzung" ist dort zu lesen. Neugierig?