Biographie
Ein Flügel der offenen Balkontür schlug im Wind gegen die Mauer. Roter Backstein bröselte, reiste als Staub in der Luft, ließ sich auf einem weißen Tischtusch nieder. Nicht, das sie Tischtücher mochte, aber der Tisch war so alt und zerkratzt, das er einfach nicht ohne Tuch sein konnte. Weiß, weil Besuch angekündigt war.
Roberta stand mitten im Zimmer und hing fest am unsichtbaren Seil der Motivationslosigkeit. Des Nichtwissens, was sie zuerst tun sollte. Sie brachte es noch nicht einmal fertig, die Balkontür zu schließen, bevor sie der Wind endgültig aus den Scharnieren riss oder das Fensterglas zersprang.
Die Biografie lähmte sie. Selbst dann, wenn sie nicht daran arbeitete. Sie fesselte Robertas Gedanken, knotete sie zusammen, presste sie zu einem Schneeball, der nur noch aus Eis und nicht mehr aus einzelnen Kristallen bestand. So fühlte sich ihr Kopf an, wenn sie an die Biografie dachte. Es war unmöglich, einzelne Gedankengänge heraus zu lösen oder sie gar aufzuschreiben.
Vielleicht nannte man das Blockade. Oder Unfähigkeit.
Wann wollten die Gäste kommen? Kamen sie überhaupt heute oder hatte sie selbst Raum und Zeit schon durcheinander gebracht, diese unglückseelige Biografie?
Es klingelte. Der Tag stimmte also. Wenigstens.
Jetzt musste Roberta sich doch bewegen. Die Tür öffnen. Ein Lächeln aufsetzen, so tun, als wäre alles in Ordnung. Sie rang die Motivationslosigkeit, an der sie noch immer festhing zu Boden und kam dabei ins Schwitzen. Ihre Bluse war so weiß wie das Tischtuch. Als die die Balkontür endlich schloss, landete roter Backsteinstaub auch auf ihr. Klebte an ihren feuchten Fingern, betupfte ihr helles Haar.
Sie öffnete die Tür. Auf der Treppe nahte die Wahrheit.
Was sollte sie ihnen nur sagen, wenn sie nach der Biografie fragten? Sie konnte sie zuerst reden lassen. Zeit gewinnen. Vielleicht fiel ihr bis dahin eine Ausrede ein.
Roberta lehnte erschöpft am Türrahmen. Zum Glück wohnte sie ganz oben. Das verschaffte ihr die Möglichkeit, sich wenigstens ein bisschen auf die anderen einzustellen. Die anderen. Die, die nicht unter der Biografie litten.
Sie hörte Lenas dümmliches Kichern, ich Hach und Huch, weil Wenke mit ihren lärmenden Absatzschuhen umgeknickt war. Geschah ihr Recht, fand Roberta. Niemand zwang sie, auf diesen Pfennigabsätzen herum zu laufen und die Treppe steigen zu wollen. Wenkes Füße standen so steil in den Schuhen, das Roberta schon beim Hinsehen einen Krampf bekam.
„Kommt rein“, sagte sie. War das ihre Stimme? Dünn und leidend wie die einer alten, einer sehr alten Frau. Die Sache mit der Biografie musste bald ein Ende finden, sonst konnte sie für nichts mehr garantieren.
Wenke stolperte in den Flur.
„Ich verstehe nicht, wie du in den Schuhen gehen kannst“, sagte Roberta. Ihre Stimme kam von irgendwo im Raum, nur nicht aus ihrem Mund.
„Hallo Schätzchen“, krähte Lena und klammerte sich kurzzeitig an Roberta fest. „Schön, mal wieder bei dir zu sein! Ich hab uns Prosecco mitgebracht!“
Alkohol. Nein, nicht auch das noch! Alkohol half nicht gegen das Problem mit der Biografie. Roberta hatte es mehrmals ausprobiert.
Sie setzten sich um den leidlich gedeckten Tisch und tranken Kaffee. Lena nahm Kuchen, Wenke nicht, wegen der Diät. Roberta auch nicht. Sie machte keine Diät, aber die Biografie schnürte ihr den Magen zu.
„Ist das warm hier drin“, hechelte Lena und riss die Balkontür auf. Der Wind schlug die Flügel erneut gegen die Mauer.
„Wer fängt an?“ fragte Wenke.
Roberta schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht. Hatte kein einziges Wort geschrieben.
Lena fing an. Las ihrer Biografie von sorgfältig eingehaltenen Normseiten ab und schaute stolz. Der Kursleiter würde zufrieden sein. Es war eine gelungene Schreibübung. Eine perfekte Biografie.
Dann Wenke. Nicht schlecht. Aber Lena war besser gewesen? Oder doch nicht? Hatte Roberta eigentlich richtig zugehört?
Zitternd klappte sie ihren Laptop auf. Jetzt war sie dran. Doch sie hatte keine drei Sätze geschrieben. Es ging einfach nicht.
„Ich hab nichts“, flüsterte sie. Schweißperlen standen ihr auf der Stirn.
„Wie, du hast nichts?“, „Noch immer nicht? Was hast die ganze Woche gemacht?“ „Ich glaub dir kein Wort, zeig her!“
Lena riss das Laptop herum. Es drehte sich, verzog die weiße Tischdecke. „Wo kommt eigentlich dieser widerliche Backsteinstaub her?“ fragte sie. „Wow“, sagte sie dann. „Fünfzig Seiten! Na bitte. Du brauchst dich doch nicht zu schämen. Lies vor!“
Roberta schluckte. Was bitte sollte sie vorlesen? Sie hatte nichts geschrieben. Zaghaft drehte sie das Laptop zurück und glättete die Tischdecke. Tatsächlich, die Datei umfasste fünfzig Seiten. Wie konnte das sein? Von ihr war der Text jedenfalls nicht, auch wenn der anonyme Schreiber mit ihrem Namen begonnen hatte.
Aber gut, dachte sie. Wenn der Text da ist, lese ich ihn eben. Egal, woher er stammt. Hatte sie ihn vielleicht verfasst, als sie den selbstgebrannten Zitronenschnaps der Nachbarin probiert hatte? Totaler Erinnerungsverlust? War so etwas möglich?
Sie las.
Der Text war gut. Beschrieb ihr Leben. Blumig, spannend, erheiternd. Besser als die Werke von Lena und Wenke zusammen. Der Kursleiter würde überrascht sein. Ebenso wie Roberta überrascht war.
Die Worte waren nicht von ihr. Das spürte sie. So gut würde sie niemals schreiben, auch nicht mit Zitronenschnaps. Es war unheimlich. Vielleicht sollte sie aufhören. Abbrechen. Den anderen sagen, das sie das nicht geschrieben hatte. Schließlich hatte sie keine Ahnung, wie der Text zuende gehen würde. Sie unterbrach. Bot an, Kaffee nachzuschenken.
Die anderen schüttelten mit offenen Mündern den Kopf. Das Erstaunen in Vollendung saß an Robertas Tisch.
Sie genoss es. Wenigstens ein bisschen. Und sie las weiter.
Dann stockte sie.
Hatte sie soeben von Depression und Schaffenskrise gelesen? Von Schreibblockade und Unfähigkeitsgefühl?
Lena und Wenke nickten verständnisvoll. Trotz Diät griff Wenke nun doch zum Kuchen.
„Ja, das kennen wir auch. Diese Depression kommt von den Wechseljahren. Da ist nicht leicht mit umzugehen.“
„Ich bin nicht depressiv!“, polterte Roberta. „Und schon gar nicht in den Wechseljahren!“
„Wieso schreibst du es dann?“
„Das hab ich nicht geschrieben!“
Stille. Kuchenkrümel fielen hörbar auf Wenkes Teller.
„Wenn du das nicht geschrieben hast, hast du also von wo anders abgeschrieben? Der Text ist geklaut!“
„Nein, natürlich nicht. Wer bitte sollte denn meine Biografie schon einmal verfasst haben? Berühmt bin ich wohl kaum.“
„Ach, dann hat sich der Text also selbstständig gemacht und ganz von allein geschrieben?“, kicherte Lena. Sie verschüttete Kaffee auf ihre Bluse und fluchte leise.
So abwegig war dieser Gedanke gar nicht, fand Roberta. Sie hatte angefangen, drei, vier Sätze geschrieben. War nicht weiter gekommen. Konnte sich ein Text selbstständig machen?
„Ach, quatsch nicht rum, lies weiter. Bei den Wechseljahren warst du stehen geblieben!“
Roberta las weiter. Zaghaft. Was würde noch kommen?
Auf Seite fünfzig war das Ende nah.
Wortwörtlich.
Laut Biografie sprang sie an einem geselligen Nachmittag mit ihren zwei besten Freundinnen völlig unvermittelt aus dem Fenster. Aus dem Fenster eines roten Backsteinhauses mit schlagender Balkontür.
Bevor sie begriffen hatte, was sie las und Lena und Wenke sich rührten, marschierte sie durch die Tür, kletterte auf die Brüstung und sprang.
Ende. Aus. Vorbei.
Vielleicht hätte sie ihre Biografie doch lieber selbst schreiben sollen, und nicht einem unheimlichen Selbstlauf überlassen.
Dann wäre sie vielleicht noch am Leben.
***