Anett Steiner

Der Wechsel allein ist die Beständigkeit - Schopenhauer

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Start Bücher Leseprobe: Wolfes Bruder

Wolfes Bruder

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(Auszug)

(...)

In manchen Nächten vernachlässigte der Schäfer seine Herde, die den Winter unter  überdachten Futterkrippen verbrachten, die er mit Heu und Stroh füllte.

Dann saß er stundenlang am Bett seines Sohnes und ließ die Gedanken in seine Kissen fallen. Zum Glück erholte der Junge sich gut und die Verletzungen durch die  Wolfsfalle an seinem Bein heilten schnell. Der Arzt hatte gesagt, dass die Wunde verschwinden würde, ohne ein lahmes Bein zurückzulassen.

Der Junge war tapfer. Ganz allein rang er mit den Erinnerungen, und manchmal kam es vor, das er des Nachts weinte.

„Ist es wahr, was der Einsiedler behauptet hat?“, fragte der Schäfer seinen Sohn und seine Stimme war dünn wie das Fell eines Sommerlammes. Der Junge richtete sich zwischen den flachen Kissen auf und bewegte gedankenverloren seinen Fuß, der kaum noch geschwollen war.

„Was hat er denn behauptet?“, fragte der Junge und bedachte seinen Vater mit einem verwunderten Blick aus großen, feuchten Kinderaugen.

„Ist es wahr, dass ein Wolf dich gerettet hat?“

Der Junge nickte.

„Der Wolf hat mich entdeckt. Er war dürr und hatte langes, helles Fell. Zwischen seinen Zähnen trug er ein totes Kaninchen.“  Mehr sagte er nicht, er begann stattdessen, auf seinen Nägeln zu kauen.

„Und dann?“, fragte der Schäfer, „Erzähl weiter.“

„Der große Mann mit dem Wolfsfell kam von irgendwoher aus dem Schnee. Er hinkte. Zuerst jagte er mir noch mehr Angst ein. Eigentlich sah er selbst  wie ein Wolf aus. Er hatte die gleichen blauen Augen.“ Der Junge kaute weiter an seinen Fingern, bis der Vater ihn ermahnte, es zu unterlassen.

„Der Mann sah aus wie sein Bruder.“

„Wie wessen Bruder?“

„Wie der Bruder des Wolfes.“

„Du redest Unsinn, Kind. Das Fieber hat dich wohl um den Verstand gebracht.“

„Ich erzähle nur, was ich gesehen habe. Der Wolf hat mir nichts getan,  sondern ist  so lange bei mir geblieben, bis der Einsiedler auf uns aufmerksam geworden war.“

„Unmöglich!“

Der Schäfer wusste nicht, was er denken sollte. Ein Wolf hatte seinen Sohn gerettet. Das passte so gar nicht in sein Weltbild. Er war Schäfer. Er musste die Wölfe hassen. Das war immer so gewesen und würde sich niemals ändern. Nicht einmal seine Hunde waren vor den Wölfen sicher, und das, obwohl sie doch dieselben Vorfahren hatten.

Der Junge rieb  über das rote Mal an seinem Bein, wo ihn die Metalldornen der Falle verletzt hatten.

„Dann schlaf jetzt, mein Sohn. Ruhe dich aus.“

Der Junge rutschte zurück unter die Decke und verbarg sein Gesicht in den Kissen. Es stimmte ihn traurig, wie sehr sein Vater die Wölfe hasste, obwohl er einem von ihnen sein Leben verdankte.

Sobald sein Vater das Zimmer verlassen hatte, kroch der Junge aus dem Bett. Seine nackten Füße tappten über den kalten Holzboden bis zum Fenster. Sein Blick verfing sich  im Schnee, der hellblau und silbrig im Mondlicht da lag wie ein Teppich aus gefrorenem Wasser. Manchmal verharrte der Junge dort sehr lange und blickte in die Nacht hinaus.

Erst, wenn er ein lang gezogenes Heulen gehört hatte, schlüpfte er wieder in sein Bett. Erst dann schlief er ein und verbrachte die Nacht in unruhigem Schlaf. Er träumte nichts, weil er sich Sorgen machte. Er wusste, dass nicht nur die Wölfe, sondern auch der Fallensteller dort draußen unterwegs waren.

(...)


Askan hatte keine Zeit, zu erschrecken. Der Hund sah schlimm aus. Nicht auszudenken, wenn es Canisia oder einen anderen Wolf erwischt hätte. Aber auch dem Hund musste geholfen werden, bevor es zu spät war. Askan war nicht sicher, ob er noch zu retten war. Der Hund war schon zu schwach, um nach Askans Hand zu beißen, als er ihn aus der Falle befreite. Er hob den Hund auf seinen Arm, er war leichter als erwartet. Zum Glück, denn der Weg ins Dorf war weit.

(...)

Canisia rief mit einem kurzen, hohen Laut ihre Jungen aus dem Versteck unter der Baumwurzel. Balgend und sich gegenseitig neckend rollten sie durch den Schnee und hatten die Erfahrung mit der Falle augenscheinlich längst vergessen. Aber  für diese Nacht hatten sie genug gesehen.

Die Wölfin brachte ihren Nachwuchs zurück in Askans Hütte. Dort gab es eine Klappe in der Tür, durch die sie schlüpfen konnten. Im Inneren der Hütte gab es einen Durchgang in ein höhlenartiges Kellergewölbe, in dem Askan normalerweise seine Vorräte aufbewahrte. Die natürliche Höhle hatte schon bestanden, bevor er seine Hütte darauf errichtete. Er hatte sie sich zunutze gemacht und nun beherbergte sie die Wolfsfamilie. Dorthin brachte Canisia die Welpen in Sicherheit, bevor sie ein zweites Mal in dieser Nacht auf  Streifzug ging. Diesmal nicht zur Lehrstunde, sondern auf die Jagd.

(...)


Von den Hügeln aus konnte Askan das Dorf im Tal erkennen. Die meisten Fenster waren dunkel. Inzwischen war es fast Mitternacht.

Askans Arme waren schwer geworden unter der Last des Hundes. Er hatte das Tier in eines seiner Hemden gewickelt, die er unter dem Wolfsfell trug. Trotzdem fühlte sich der Körper des Hundes kühl an, wenn er ihn an sich drückte. Seine Finger klebten.

„Hey“,, flüsterte Askan und senkte sein Ohr an die Schnauze des Hundes. Er hörte nichts. Er stolperte den unwegsamen Hang hinunter. Er konnte seine Arme nicht gebrauchen, um  sich auszubalancieren. Er musste langsamer gehen, wenn er nicht stürzen wollte.

Es war Ewigkeiten her, dass er im Dorf gelebt hatte.

Den Jungen hatte er in den Gasthof gebracht, der an jenem Abend gut besucht gewesen war, aber wohin sollte er mitten in der Nacht den Hund bringen? Einen Tierarzt gab es nicht. Jedenfalls nicht hier, sondern in der Stadt. Aber es gab einen Arzt, der auch den Jungen behandelt hatte. Damals, als Askan in die Falle geraten war, hatte es noch keinen Arzt gegeben.

Das Haus des Arztes war leicht zu finden. Es war das Haus, in dem Askan geboren worden war. Bevor der Arzt einzog, hatte es lange leer gestanden.

Askan klopfte an die Tür. Als sich nichts regte, schlug er mit der flachen Hand gegen die Fensterscheiben. Noch immer deutete nichts darauf hin, dass er gehört wurde. Also ging er zurück zur Tür und hieb mit der Faust darauf ein.

Endlich wurde ihm aufgemacht.

Der Arzt stand vor ihm, ein junger Mann mit zerzaustem Haar und müden Augen.

„Helfen Sie“,, flüsterte Askan und schob sich an dem dürren Mann vorbei in das vertraute Haus. Trotz all der Veränderungen, die darin vorgenommen worden waren, war es ihm nicht fremd.

„Mein Gott“,, murmelte der Arzt bei all dem Blut, das im Kerzenlicht schwarz schimmerte. „Was ist passiert?“

„Falle“, antwortete Askan und fegte mit dem Unterarm Teller und Tassen von einem Tisch, so wie damals im Gasthof für den Jungen. Er legte den Hund auf das blanke Holz und hatte nicht das Gefühl, das noch Leben in ihm war.

„Bezahlen kann ich nicht“,, fügte Askan hinzu.

„Es ist auch nicht Ihr Hund“, antwortete der Arzt.

Er beugte sich über den Hund und sein Gesicht war ohne Regung. „Verlassen Sie den Raum“, verlangte er.

Askan ging hinaus in den Flur und zog die Tür hinter sich zu. Das vertraute Haus umfing ihn warm und mit der Stille einer kalten Nacht. Die gewachsten Bodendielen knarrten unter seinen schweren Stiefeln. Er fühlte sich in seine Kindheit zurückgesetzt, als er hinter den Türen dieses Hauses gelauscht und gewartet hatte, bis sein Vater nach Hause kam. Die Großmutter brachte ihm Zucker ans Bett, wenn die Mutter es nicht bemerkte. Der Vater war bei den Schafen. Die Zeit erstrahlte in mildem Licht. Es war eine glückliche Zeit gewesen.

Askan straffte sich. Seine groben Finger umfassten den Handlauf des Treppengeländers. Es verlockte ihn, hinauf in die erste Etage zu steigen. Er erinnerte sich an jedes Zimmer,  an niedrige Decken, staubige Fensterbänke, lichtdurchflutet und warm durch die Menschen, die darin lebten.

Die kalte Hand der Wehmut griff unvermittelt nach ihm und umklammerte sein Herz. Für einen Moment war er versucht, den Wolfspelz abzulegen. Gab es noch einen Weg zurück für ihn in die Gesellschaft? Vielleicht einen Weg in die Fußstapfen seines Vaters? Manchmal tauchte dieser Gedanke wie ein Strahl Frühlingssonne in ihm auf und wärmte seine Vorstellungskraft, färbte den bleifarbenen Himmel blau. Doch dann verdunkelte sich der Horizont und wusch alles fort, woran Askan sich hätte halten können. Was dann blieb, war das Fell des Wolfes auf seinem Rücken,  hellgrau, an den Flanken dunkelbraun,  tiefschwarz in der Mitte.

Die Tür quietschte, riss Askan aus seinen Gedanken. Es war dunkel im Flur, der Arzt hielt eine Petroleumlampe. Askan sah an seinem Blick, was er schon geahnt hatte, aber nicht hatte wahr haben wollen.

Der Arzt schüttelte den Kopf.

„Ich bin Arzt, kein Tierarzt, aber Gott hat nicht viel Unterschied gemacht zwischen Mensch und Tier. Ich konnte nichts tun.“

Askan sank auf die Treppe. Für einen Moment war er erschöpft. Müde, wie lange nicht mehr. Was, wenn es Canisia erwischt hätte? Um wie vieles schlimmer wäre das gewesen, wo er doch um alles trauerte, was in den Fallen zugrunde ging. Und sei es der Hund des Schäfers. Verzweifelt schlug er mit der Faust gegen die Wand.

Der Arzt trat zu ihm und Askan war erstaunt, dass der fremde Mann ihm nicht die gleiche Reserviertheit oder gar Abneigung entgegen brachte, wie der Rest der Dorfbevölkerung.

„Sie wissen, wer ich bin?“

Der Arzt nickte.

„Ich weiß, dass es Ihr Haus war, in dem wir jetzt stehen.“

„Wir sollten den Hund zum Schäfer bringen“, meinte Askan.

Der Arzt zog einen Mantel über und schlug den Kadaver des Hundes in ein sauberes Tuch ein.

„Gehen wir.“

(...)


Als Askan in seine Hütte zurückkehrte, war der Morgen nicht mehr weit. Einige Zentimeter Neuschnee bedeckten den Boden vor seiner Tür und er konnte Canisias Pfotenabdrücke darin sehen, als habe sie nach ihm Ausschau gehalten.

Als er die Hütte betrat, lag die  Wölfin vor dem Eingang des Kellergewölbes wie ein Hund. Ihre Schnauze lag lang auf ihren ausgestreckten Vorderbeinen. Kaum merklich hob sie ihr linkes Augenlid, um damit einen Blick auf Askan zu erhaschen. Sie stellte sich schlafend.

Askan war erschöpft. Jede Faser seines Körpers schmerzte. Seine Kleider waren voller Hundeblut. Im Kamin brannte kein Feuer, weil Askan zu lange weg gewesen war. Kälte hatte sich in der Hütte festgesetzt wie ein ungeliebter Gast. Er sank auf sein Bett, ein einfaches Lager aus Holzbalken, Decken und Fellen. Er zog die Beine bis dicht an die Brust und rollte sich ein, um die Wärme zu halten, die er in sich trug. Er deckte sich mit dem Wolfsfell zu. Schnell schlief er ein. Die Stunden der Ruhe hatte er sich verdient. Canisia und die Jungen waren in Sicherheit und für all die anderen Wölfe da draußen, konnte er nicht immer da sein.

Die Wölfin wartete, bis sein Atem gleichmäßig ging und es einige Zeit her war, dass er sich das letzte Mal bewegt hatte. Verstohlen öffnete sie dabei mal das rechte, mal das linke Auge und erhob sich schließlich. Zögernd näherte sie sich Askans Schlafplatz. Sie legte eine Pfote auf den Rand des Bettes und wartete. Als nichts passierte, zog sie die zweite Pfote nach. Dann sprang sie hoch und legte sich neben Askan. Ihre kühle Nase ruhte auf seinem Arm.

(...)


Nur der Arzt blieb zurück.

Er stieg über am Boden liegende Biergläser und trat auf die Reste glimmender Zigarettenkippen. Dann beugte er sich über den  Kadaver des Schafes. Sofort kamen ihm  Zweifel darüber, ob die Geschichte des Fallenstellers der Wahrheit entsprach, oder ob er seinen Auftritt nur inszeniert hatte.

„Es war kein Wolf, der diese Schafe getötet hat“, flüsterte er vor sich hin. „Jedenfalls keiner, der vier Beine hat.“ Doch die Männer waren zu aufgebracht gewesen, um genauer hinzusehen.

Als der Arzt auf die Straße trat, entdeckte er den Sohn des Schäfers, der die ganze Zeit hinter der Tür gelauert und alles belauscht und mit angesehen hatte.

„Heute Nacht werden sie wahllos jeden Wolf erschlagen, der ihnen in die Hände fällt, nicht wahr?“, fragte der Junge mit dünner Stimme den Arzt.

„Das fürchte ich auch“, antwortete er.

„Dann müssen wir den Einsiedler warnen! Ihn und den Wolf mit dem langen, hellen Fell, der mich gerettet hat!“

„Hoffen wir, dass es dafür nicht schon zu spät ist.“

(...)

 

Den kompletten Kurzroman findet ihr im Buch "Silvermoon", Verlag P&B.