Auszug
(...)
Der Rundgang durch den Zoo war beinahe beendet.
Sie waren an den Pinguinen vorbei gekommen, an den Eisbären, den Bergziegen und Gemsen.
Als Lina vor den Braunbären stand, kitzelte sie ein vertrauter Geruch in der Nase. Ganz in der Nähe mussten sie sein, die Wölfe. Während sie noch mit sich rang, ob sie wirklich sehen wollte, wie sie hinter Gittern unruhig auf und ab gingen wie es Raubtiere in Gefangenschaft nun einmal taten, stand sie auch schon vor dem Wolfsgehege.
Links von ihr hielt sich das ganze Rudel auf. Rechts, weit weg von den anderen, ein einsamer Wolf. Ein magerer Wolf mit stumpfem, zottigem Fell und glanzlosen Augen. Abwesend starrte er auf den Boden vor seinen Pfoten, winselte. Lina wartete regelrecht darauf, das der Wolf seinen Kopf heben würde um traurig den Himmel anzuheulen, die vorüber ziehenden Wolken, die freien Vögel.
Doch wahrscheinlich hatte der Wolf gar nicht mehr genug Kraft, um zu heulen.
Lina zuckte zusammen.
Sie sprang über die kleine Absperrung und klammerte sich an den Gitterstäben fest. Der einsame Wolf hatte einen schwarzen Fleck über dem rechten Auge! Es war Großvaters Wölfin Mondherz!
Lina schnappte nach Luft.
War das etwa die Alphawölfin, von der der Mann an der Kasse gesprochen hatte? Deren Rudel man schon im vergangenen Jahr eingefangen hatte? Also war Mondherz den ganzen Winter lang allein im Wald gewesen. Gab es jetzt überhaupt noch einen Platz für die Wölfin in ihrem alten Rudel? Oder wieso stand sie sonst so allein, weit abseits von den anderen?
Linas Mitschüler kreischten.
Die Lehrerin schrie hysterisch:
„Lina, geh da von dem Gitter weg! Steck bloß nicht die Hand rein!“
Doch Lina war längst in die Hocke gegangen und hatte ihren mageren, weißen Arm durch die Gitterstäbe geschoben und nach Mondherz ausgestreckt.
Die Wölfin hob den Kopf, witterte aufmerksam. Ihre Augen fixierten Lina, langsam kam das Tier auf sie zu. Lina schob ihren Arm so weit zwischen die Gitter, dass sich ihre Schulter schmerzhaft dazwischen verklemmte. Sie streckte die Fingerspitzen aus, so weit sie konnte. Die Wölfin kam langsam näher.
Schnubberte.
Erkannte sie Lina? Erkannte sie den Duft des Großvaters?
Die feuchte Nase des Tieres berührte Linas Hand.
„Pfleger! Hilfe! Ist denn hier niemand?“, schrie die Lehrerin und ihre Stimme überschlug sich. Bestimmt fällt sie gleich in Ohnmacht, dachte Lina.
Linas Finger strichen sanft über die Stirn des Wolfes.
Plötzlich vernahm sie eine feste Männerstimme:
„Mädchen, bewege dich langsam. Nicht hektisch. Und komm weg da.“ Ein besorgter Unterton schwang in der Stimme mit, aber kein Vorwurf. Keine Hysterie. Keine Wut. Der Mann sprach ganz ruhig.
Lina konnte ihn aus den Augenwinkeln sehen, aber sie drehte ihm den Kopf nicht zu. Sie wollte den Blickkontakt zur Wölfin nicht verlieren, so ungünstig die Umstände ihres Wiedersehens auch waren.
„Sie tut mir nichts“, erklärte Lina. „Sie kennt mich.“
„Du weißt, das es ein Weibchen ist?“ fragte der Tierpfleger.
„Ich sagte doch, sie kennt mich. Und ich kenne sie.“
„So ein Unsinn!“. Das war wieder die hysterische Stimme der Lehrerin, „nehmen Sie doch endlich das Kind da weg! Es wird noch gebissen werden! Woher soll das Mädchen dieses Raubtier denn kennen? Das ist doch Blödsinn!“
Mondherz zuckte zurück, weil die Lehrerin kreischte, weil die anderen Schüler kreischten.
„Das ist kein Blödsinn“, flüsterte Lina so leise, das nur der Mann neben ihr es hören konnte. Und dann sagte sie lauter:
„Hören Sie doch auf so zu schreien! Mondherz geht es nicht gut. Und jetzt erschrecken Sie sie noch mehr!“
„Mondherz?“ die Lehrerin kollabierte.
Stöhnend, mit einer Hand vor der Stirn sank sie in die Arme eines herbei eilenden Zoobesuchers, der die Szene bereits eine Weile beobachtet hatte.
„Mondherz?“ fragte auch der Tierpfleger. Lina mochte seine Stimme. „Ich wusste nicht, das sie einen Namen hat. Sie ist noch nicht lange hier.“
Lina nickte, ohne die Wölfin aus den Augen zu lassen.
„Ich weiß, das sie noch nicht lange hier ist. Ich habe sie vor kurzen noch im Wald gesehen. Meinen Sie, sie gewöhnt sich wieder im Rudel ein? “
Der Mann legte Lina seine Hand auf den Rücken. Sie war ruhig und warm. Dann flüsterte er:
„Darüber reden wir später, okay? Nimm erst einmal deinen Arm da raus, damit sich alle wieder entspannen, ja?“
Lina mochte seine Stimme wirklich.
„Bis später, Mondherz“, sagte sie und zog ihre Hand zwischen den Gitterstäben hervor. Die Wölfin hob ihren Kopf, senkte ihn wieder, fast so, als würde sie zustimmend nicken.
Die Lehrerin hatte wieder zu sich gefunden und packte Lina fest am Arm. So fest, das Lina aufschrie.
„So Fräulein. Was hast du dir dabei gedacht? Der Ausflug ist an dieser Stelle zu Ende und die anderen können sich bei dir bedanken, das du ihnen den Tag verdorben hast.“
„Aber ich wollte doch nur...“ weiter kam sie nicht. Die Lehrerin zerrte sie mit unerwarteter Kraft am Rest der Klasse vorbei und schnaufte zornig.
Lina drehte sich Hilfe suchend nach dem Tierpfleger um. Und sie streckte die Hand noch einmal in Richtung von Mondherz aus. Die Wölfin winselte und blickte traurig durch das Gitter, das ihr den Weg in die Freiheit verwehrte.
„Entschuldigen Sie“, sagte der Tierpfleger zu Linas Lehrerin, die er mit wenigen, ausgreifenden Schritten erreicht hatte. „Der Wölfin geht es wirklich nicht gut. Es ist tatsächlich recht ungewöhnlich, das das Tier diesem Mädchen zu vertrauen scheint. Ein Wolf lässt sich nicht von jedem streicheln, auch nicht in Gefangenschaft“, sagte er. „Wenn Sie erlauben, würde ich gern mit dem Direktor über den Vorfall sprechen. Geben Sie mir doch einfach die Telefonnummer der Eltern. Ich lasse das Mädchen dann nach Hause bringen.“
Er zwinkerte Lina zu, als wollte er fragen: Gut so?
(...)
Auszug Ende



